Stellt euch mal folgende Situation vor: Da gibt es irgendwo im Nirgendwo einen Stamm von Eingeborenen in einem Urwald. Die Stammesältesten waren noch nie ausserhalb dieses Urwalds und können auch nichts tolles daran finden, dass es da draussen ach so Unglaubliches gäbe. Denn manchmal finden Sie einsame und ach so orientierungslose Menschen (die von unsereins auch Forscher und Entdecker genannt werden) in ihrem Urwald umherirren und nehmen Sie in ihre Gemeinschaft auf. Und Sie zeigen diesen Ihre ureigene Art zu Leben - der einzig wahren Art.
Alle Erzählungen von unendlichen Möglichkeiten ausserhalb des Dschungels werden jedoch im Keim erstickt. Wieso sollte man auch anders handeln, es geht einem gut, man weiss darüber Bescheid was man tut und wie man es tut.
Doch eines Tages kommt eine ganze Gruppe von diesen orientierungslosen Menschen - Ob die wirklich so orientierungslos sind? Hmm… - und erzählt den Stammesältesten von einem Gerät dass sie Hubschrauber nennen. Und damit wären Sie sehr orientiert zu Ihnen gekommen. (Ich muss dazu sagen, sie sind sozusagen vor der Nase der Urwaldheinies mit dem Teil gelandet!) Erzählen von den ungeahnten Möglichkeiten ausserhalb des Urwaldes - irgendwie kommt mir das auch jetzt bekannt vor. Egal, weiter im Text - und von einer grossen weiten Welt in der vieles so anders ist.
Die Stammesältesten hören sich alles geduldig an, spitzen sogar teilweise interessiert die Ohren. Das hört sich alles so unglaublich an. Doch um dann schlussendlich zu sagen: “Das passt doch alles nicht zu unserer Art zu leben!”. Etwas wagemutigere Älteste fragen dann trotzdem: “Kann man mit dem Hubschrauber auch auf dem Fluss schwimmen um Fische zu fangen?”.
Die einsamen orientierungslosen einzelnen Menschen, welche schon so oft Geschichten über Hubschrauber und andere ach so unglaubliche und merkwürdige Dinge erzählt haben, entschliessen sich während dieses Besuches und dessen Verlaufs, jeder für sich: ach, ich gehe doch lieber wieder zurück, und zwar im Hubschrauber!
Ach, fast hätte ich es noch vergessen: der Urwald ist ganz in unserer Nähe!
2 Comments
Hubschrauber und Eingeborene?
Hm, als ich das gelesen habe, dachte ich so im ersten Moment, klar _ich_ sitze im Hubschrauber.
Doch dann…
Tu ich das wirklich? Ist es sooo toll, im Hubschrauber zu sitzen?
Ich hatte vor kurzem so eine Situation: Ich saß zusammen mit einem Kollegen im Hubschrauber. Und wir versuchten, die Eingeborenen zu überzeugen, dass da draußen noch eine andere, bessere Welt sei.
Doch auch diese Eingeborenen waren nur schwer zu überzeugen.
Irgendwann erkannte ich, dass auch das Eingeborenendasein seine positiven Seiten hat - immerhin kenne ich beide Seiten. Und manchmal wünsche ich mir die Abende am Lagerfeuer zurück, wo man einfach so die Seele baumeln lassen kann, umgeben von netten Menschen, Freunden. Die sind nicht immer interessant, aber brauche ich wirklich ständig interessante Menschen um mich herum? Tun es nicht manchmal auch einfach nur nette, unkomplizierte - Freunde eben?
Die Welt ist nicht schwarz-weiß, es gibt nicht nur Hubschrauber und Eingeborene. Gerade diese Vielfalt macht es doch aus. Und Toleranz. Es gibt Menschen, denen reicht ihr Eingeborenendasein völlig aus, ohne verbohrt zu sein.
Die Hubsschrauberpiloten sind recht anstrengend: ständig auf Achse, immer neues erleben, Geld scheffeln (für den Hubschrauber), Fast Food und immer ruhelos. Solche Menschen sind interessant, aber werden schnell anstengend, sind selten kompromissbereit und noch seltener gute Freunde.
Wir brauchen Sie, die Leute mit dem Hubschrauber. Sie bringen uns in so mancher Hinsicht voran, manchmal zeigen sie uns aber auch, dass nicht jeder neue Weg ein guter Weg ist.
Die Eingeborenen brauchen wir auch, sie bringen Ruhe und Ordnung in unser Leben, lehren uns Geduld.
Doch viel wichtiger finde ich all jene dazwischen: Die sind mir lieber, nicht schwarz, nicht weiß, sondern vielschichtig, in vielerlei Farben. Sie verlassen ihre angestammten Plätze, sind bereit für erste Schritte, sind offen für Neues, müssen es aber nicht um jeden Preis haben, sind nicht ruhelos. Und kennen noch die schönen Abende am Lagerfeuer. Zu denen setze ich mich gerne. Und nicht in den knatternden Hubschrauber.
Ralf
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